Silvestermorgen. Mein Geburtstag.
Und ich plötzlich zu meinem Schatz:
„Wir könnten doch bei uns einen kleinen Apéro machen heute Abend. Ich könnt’s ja mal in die Gruppe stellen.“
„Äh, hmmm… meinst du? Aber wer sollte dann kommen? Ist doch Silvester, da haben eh schon alle was vor. Aber hey, es ist dein Geburtstag. Mach, wenn du den Impuls dazu hast.“
Hmmm… ich überlege. Bin ja auch unsicher.
Ich meine, ich kenne die Leute ja kaum. Hab sie erst ein- oder zweimal gesehen. Und dann grad zu uns nach Hause einladen? An Silvester?
Der Mut-Anfall, der alles ins Rollen brachte
Zur Info: Wir wohnen seit zwei Jahren in einem neu gebauten Stadtteil. Früher war hier Grossindustrie, jetzt wird gewohnt. Alle, die hier wohnen, sind also neu hier. Und die allermeisten kennen sich noch nicht.
Bei einem ersten Glühwein-Abend vor einigen Wochen (endlich war mal was los hier – danke Quartierverein!) habe ich in einem Mut-Anfall wildfremde Menschen angesprochen und gefragt, ob sie Lust hätten, in meine WhatsApp-Gruppe zu kommen.
„Ich weiss auch noch nicht genau, was ich damit machen werde, aber so sind wir zumindest mal vernetzt“, hat einige – ebenfalls Mutige – an diesem Abend bewegt, mir ihre Telefonnummer anzuvertrauen 😊
Anfangs Dezember haben wir dann mit einem guten Dutzend Menschen bei Pinsa und Rotwein beim neueröffneten Italiener im Quartier unseren erstaunlich-lockeren und-es-schreit-nach-mehr Kennenlern-Abend gehabt.
Die Zweifel
Aber zurück zum Silvestermorgen:
„Meinst du wirklich, ich soll… Also ich meine, wenn dann niemand kommt? Wie peinlich. Und überhaupt. Nein, wie sieht das überhaupt aus. Als hätten wir heute Abend nichts Besseres vor…“
(Tja, stimmt ja auch 😉 Silvester ist halt immer etwas schwierig. Und dann noch neu in der Stadt. Und dies und jenes. Und überhaupt).
Es klingelt
18 Uhr, es klingelt.
Oh wow, da stehen tatsächlich 3 Leute vor der Tür!
Uppps.
„Äh… Schatz: Weisst du noch, wie sie heissen? Wie peinlich, bin mir nicht mehr sicher.“
Nach 2 Flaschen Moscato, überraschend tiefgehenden Gesprächen, einer Tüte Chips und 3 Stunden später stehen wir – mit vom langen Sitzen leicht steifen Gliedern – vom Esstisch auf. Wir recken und strecken uns und sind uns alle einig:
„Hey, das war jetzt ein richtig schöner Abend, gell.“
Find ich auch.
Und ja, wir sind uns nach einigem Hin und Her auch alle einig:
Zum Schlafen ist es noch zu früh 😊
Und der Italiener, ja der von unserem ersten Abend, hat ja noch zu Sekt und Feuerwerk eingeladen.
Ich so vorher beim Apéröle: „Da könnten wir doch noch kurz reinschauen. Wär doch vielleicht ganz nett.“
Und die anderen so:
„Also nein, das war doch jetzt einfach richtig nett. Und reicht so doch auch. Wir sind müde, es war ein langer Tag… undsoweiterundsofort.“
Wenn die Lebensfreude aus den Poren tropft
„Was für ein toller Silvester! So habe ich mich schon ewig nicht mehr gefühlt!“, ruft unsere neue Bekannte mit einem Glas Sekt in der Hand und stösst übermütig mit mir an.
Ich hab ja nur gestaunt, wie wir eben noch alle abgegangen sind da drin.
Gianni und seine Familie hatten nach ihrem gediegenen Silvester-Dinner die Stühle und Tische zur Seite gerückt… und natürlich die Musik lauter gedreht. Und so haben wir mit vorher noch ziemlich unbekannten Menschen plötzlich wild getanzt und lauthals „Mamma Mia“ und „Felicità“ gesungen.
Es war unglaublich!
Die Lebensfreude ist uns – neben ersten Schweissperlen – allen aus den Poren getropft. Herrlich!
Und ich hab bei unseren neuen Bekannten, welche teils deutlich über 60 sind, ihre Jugendlichkeit durchblitzen sehen. Wie sie als junge Frau leichtfüssig über’s Parkett geschwebt ist und ihr damals neuer Freund, der sie mittlerweile seit 30 Jahren durch’s Leben begleitet, sie angehimmelt hat.
Ich habe es in ihren beiden Augen gesehen, wie sie sich an ihre verliebten Anfangszeiten und ihre Träume zurückerinnert haben.
So berührend, so schön!
Super dankbar und – ja, glücklich – falle ich irgendwann weit nach Mitternacht ins Bett.
Der Kopf findet immer Gründe dagegen
Und ja, es war ein Risiko, das ich eingegangen bin.
Das Schlimmste, was hätte passieren können, als ich mich am Morgen überwunden hatte, auf’s grüne Sende-Icon zu drücken?
Dass niemand kommt.
Und mein Kopfkino angegangen wäre. Und mir alles mögliche eingeflüstert hätte, weshalb, wieso, warum und überhaupt.
Das Zweitschlimmste?
Dass niemand kommt.
Und mein Schatz und ich alleine zuhause sind.
Wär jetzt auch nicht wirklich tragisch gewesen. Aber halt schon etwas sehr ruhig. Ist ja schliesslich mein Geburtstag – und den mag ich schon gerne feiern.
Was ich daraus lerne
Wenn in Zukunft mal wieder so ein verrückter Impuls um die Ecke gerannt kommt, pack ich ihn – zack! – am Ärmel und lass mich direkt mitreissen. Ganz nach dem Motto: einfach mal machen.
Es könnte ja gut werden. 😊
Herzlich
Sabina


